Shame on me !

Heute bin ich wieder mehr als spät dran. Tut mir echt leid, ich hab mich unendlich verzettelt. Hab an einer Short Story gearbeitet … und das hat gedauert … Stunde um Stunde,  und dabei hab ich alles andere um mich herum vergessen … Zeit, Raum und auch Blog …

Aber damit Ihr seht, dass ich wirklich „gearbeitet“ habe, hier das  Resultat :

QUIDQUID AGIS [ ...]

Reduktion, dachte er, darauf  läuft alles hinaus, und das Fehlen jeglicher Phrasierung.
Diesen Gedanken hatte er heute schon ein paar Mal gehabt. Irgendwie war er zu seinem eigenen Klischee verkommen.

Er stand am geöffneten  Balkonfenster und trank. Er hatte mit Gin angefangen, inzwischen war er zu Whiskey übergewechselt. Aber geschmacklich konnte er keinen großen Unterschied feststellen. Er wollte nur einen Zustand völliger Lähmung erreichen. Scheiß auf diesen grandiosen Ausblick, dachte er. Er starrte auf die Lichter, auf die Dächer der Stadt und wurde ständig durch diesen trächtigen Vollmond abgelenkt. Und scheiß auch auf dieses Hotel. Auf diese mit Antiquitäten überladene Deluxe Suite. Er wusste ja noch nicht mal, ob es das Imperial war. Und wer über-zeugte ihn davon, dass er tatsächlich in Wien war. Vielleicht wollte er ja lediglich, dass es Wien war. Er liebte den allgegenwärtigen Todesgeruch in den Gassen dieser Stadt.  Gestern war es London. Letzte Woche Frankfurt oder Hamburg. Ja, verdammt, scheiß auf seine widerstandslose Gleichgültigkeit. Scheiß auf dieses Management, das sein Leben organisierte, ihn zu durch nichts unterscheidbare, letztlich todlangweilige Kulturmetropolen schickte.  Scheiß auf die verdammte Komplexität des Daseins.

An seinem 12.Geburtstag sagte seine Mutter, die Musik wird dich garantiert noch umbringen. Und lächelte dabei. Dasselbe Lächeln, mit dem sie ihm ein paar Monate später sagte, verreck in der Gosse. Wie dein Vater. Er grinste, nahm noch einen weiteren Schluck, und erinnerte sich an den Tag ihres Todes. Es hatte in der Nacht davor angefangen zu schneien. Der erste Schnee. 17. November 2005. Er hatte an diesem Abend wieder Balakirev´s Islamey gespielt. In Chicago. Er kann sich sogar an die Härte des Klavierstuhls erinnern, an den tosenden Applaus, der ihn schon damals immer mehr anekelte. Und an die Journalistin der New York Times, die ihm am Morgen unbedingt bis zum Aufnahmestudio folgen musste. Sie hatte diesen Blick, den alle Frauen bekommen, wenn sie länger als zwei Minuten in seiner Nähe waren.
Nach dem Konzert fuhr er an diesem besagten Novembertag ungewöhnlicherweise sofort ins Hotel zurück. Sein Management hatte ihm eine Nachricht hinterlassen. Er sollte dringend den Chefarzt des Krankenhauses, in dem seine Mutter lag, anrufen. Doch weder am selben, noch am nächsten Tag meldete er sich.

Sie hatte Krebs. Somit hatte sie sich also die banalste und schrecklichste Krankheit ausgesucht, dachte er, und trank weiter. Es beruhigte ihn, die Lähmung des Körpers setzte sich fort. Nur der Mond blendete ihn immer noch.

Er hatte sie nie besucht. Kurze Telefonate. Long Distance Calls aus dem Nirgendwo. Das musste reichen. Wo bist du gerade, wollte sie immer wissen. Genauso gut hätte sie sich nach dem Wetter erkundigen können. Er sah jedes Mal auf die Uhr. Ihre Stimme wurde mit der Zeit immer brüchiger, zum Schluss nicht mehr als ein Flüstern. Ohne Ausreden zu suchen, legte er dann einfach auf.

Er hatte sich unzählige Gossen geschaffen. Gossen, die nur er kontrollieren konnte.
In jeder Stadt eine andere Nutte. Er wollte nie ihre Namen wissen. Es hätte ihm vom Wesentlichsten abgehalten. Ich will mit dir ficken, weil ich mich spüren will, sagte er zu ihnen. Kein Vor- und auch kein Nachspiel. Er wollte es nur hinter sich bringen, mehr nicht. Das Gleichgewicht in seinem Kopf wieder herstellen. Um wieder schlafen zu können. Je mechanischer sie ihn befriedigen konnten, desto mehr Geld ließ er da. Meist suchte er sich ältere Huren aus. Aber trotz ihrer Erfahrung musste er ihnen, wenn sie ihren Orgasmus vortäuschen wollten,  den Mund zuhalten. Reduktion, dachte er, ist eine Illusion.

Illusion ist was für Arschlöcher. Er war nicht betrunken. Nackt, aber auf gar keinen Fall betrunken. Er war noch nie so klarsichtig wie heute Nacht. Es ist letztlich das, was er immer schon gewusst hatte, eingetroffen. Sein ganzes Leben hat er auf diesen Moment der Verfehlung gewartet. Diese eine verdammte beschissene Note. Unvermeidbar. Eine falsche Bewegung. Sich in der Taste vergriffen, eine Millisekunde zu schnell gewesen. Er grinste. Ja, andere vergreifen sich im Ton, er in der Taste. Niemand im Saal wird es bemerkt haben. Sie sind nicht an der Musik, sondern auf das Ereignis als solches fixiert. Blindwütige Idioten. Es war seine Berühmtheit, der Abglanz seiner Virtuosität, die sie an ihm so schätzen. Und ständig hatte er anschließend ihren Stallgeruch in der Nase. Parfümierte Liebhaber der luxuriösen Perversion, die ihn mit ihrer Dummheit jedes Mal aufs Neue belästigten. Um seine Feindseligkeit spüren zu lassen, spielte er ihnen ab und zu ein modernes Stück vor, etwas was sie nicht an Schuhmann, Chopin oder Rachmaninov erinnern konnte. Etwas verstörendes, sinnentleert, atonal. Ligeti zum Bespiel. Natürlich klatschten sie auch da, nur setzte der Applaus dann ein paar Augenblicke später ein und war deutlich schwächer. Doch inzwischen gab ihm das auch keine innere Befriedigung mehr.

Er wandte sich vom Fenster ab, ging in die Mitte des Hotelzimmers. Setzte sich an den Tisch,  und versuchte seine Finger zu bewegen. Der Alkohol hatte ganze Arbeit geleistet, dachte er. Das letzte Mal hatte er sich vor fast genau drei Jahren in diesen Zustand versetzt, am Todestag seiner Mutter. Er schenkte sich den letzten Schluck Whiskey ein, und wollte nach der Waffe greifen. Eine 9mm Halbautomatik, die er einer der Nutten abgekauft hatte. Er hatte ihr dafür einen unverschämt hohen Preis gezahlt, aber Geld spielt keine Rolle. Und es war eine, die es nahezu perfekt machte, sie stöhnte nicht, war emotionslos. ließ ihn in Ruhe. Was er aber am meisten schätzte, war, dass sie ihm keine Fragen stellte.

Als er seinen Arm ausstreckte, um an ie Pistole am Rand des Tisches zu kommen , verspürte er einen merkwürdigen Druck, etwas was an ihm zerrte, ein klammernder Griff. Er fiel daraufhin wie ein schwerer Stein zu Boden,  lag nun reglos da. Es muss doch an diesem scheiß Whiskey liegen, dachte er. Dann musste er brechen. Ein  Schwall bittersüßer Kotze ergoss sich auf den königsblauen Teppich. Er schwitzte leicht, hangelte sich an diesem massiven Tischbein hoch und es gelang ihm tatsächlich, diese Pistole an sich zu nehmen. Zitternd sank er wieder zu Boden. Er war glücklich, unendlich geschwächt, aber glücklich über dieses ungeplante Chaos, das er der Nachwelt nun hinterlassen würde. Er, als einer der weltbesten Pianisten, nackt, mit einer Kugel im Kopf, Blut und Erbrochenem, und überall ein paar leere und halbleere Gläser Whiskey und Gin. Denn er benutzte immer neue Gläser, nie dasselbe.
Besser hätte er seinen Abgang nicht inszenieren können. Ursprünglich wollte er einen wankelmütigen, jungen Priester einladen, ihm von begangenen und erfundenen Sünden erzählen. Und mitten in der Unterredung dann die Pistole in den Mund schieben und abdrücken. Aber das hier hatte mehr Stil. Er hoffte, dass er noch mal brechen musste, am liebsten hätte er das ganze Hotel vollgekotzt. Obwohl er wartete und ihm unsagbar schlecht war, kam nur dieser Klammergriff wieder, nun merklich schmerzhafter. Ein Stechen. Er stöhnte, lächelte, und nahm kurz entschlossen die Pistole.
Er setzte sie  sich an die Schläfe, und …

P(ost) M(mortem):

Ein in Wien geborenes Zimmermädchen, Ramona K. (24) fand ihn am nächsten Morgen. Er lag wie eine Ikone in einer Lache aus Erbrochenen, die Beine komisch angewinkelt, die Augen starr zur Decke gerichtet, neben seinem Kopf eine Waffe. Merkwürdigerweise aber nirgendwo Blut.
Am übernächsten Tag kündigte Ramona , wird nun in einem Monat nach Graz ziehen, dort eine Stelle als Haushälterin annehmen. Bei einem sogenannten Großindustriellen.
Sie hat nie eine Klavierstück von diesem Toten gehört. Für sie war es nur einer der versnobten Reichen, die sich so eine Deluxe Suite leisten konnten. Sie selbst steht auf Eminem, Placebo und The Killers.