Nur im Stehen; 4,9 % vol

Heute bin ich krank … Grippe … konnte also nicht schreiben, so wie ich es vorhatte … aber trotzdem etwas Geschriebenes von mir … eine Short Story, oder wie immer man das nennen will ….

Nur im Stehen; 4,9 % vol

Das, was noch in seinem Kopf ist, rutscht in für ihn unbekannte Tiefen, und er lässt sich einfach nur fallen. Auf diesen Holzstuhl. Eigentlich schon fast ein Dreifuß, weil das linke vordere Stuhlbein immer wieder mal gefährlich wackelt. Jedenfalls muss er jetzt was trinken, wie immer. Was Alkoholisches, was ja im Grunde genommen, für IHN jedenfalls, unmöglich ist, weil Trinken UND Sitzen geht gar nicht, weil da nichts fließt. Es stockt. ER wäre gestockt oder gestaut. Weil er sitzt ja aufrecht und nicht quer.
Der Alkohol schafft es in dieser Position bestenfalls bis zum Bauchnabel, bis zur Gürtellinie und dann staut es sich. So dass er innerhalb kürzester Zeit wie ein aufgeblähter Frosch dasitzen würde. Und dass wo er Vegetarier ist. Er  kann Tiere nicht ausstehen. Er würde sich also in einen Frosch verwandeln, oder zumindest die Formen eines aufgeblähtes, froschähnliches Wesen annehmen, und deshalb geht Trinken bei ihm NUR IM STEHEN.

Der Holzstuhl befindet sich in direkter Nähe seines Schreibtisches, was auch notwendig und logisch ist, weil er ja schreibt. Er ist auf alle Fälle jemand, der ohne zu zittern einen Stift halten kann. Wenn er nicht gerade trinkt, was eigentlich Grundlage seines Schreibens ist. Ohne Alkohol keine Worte, und ohne Worte keinen Erfolg. Ohne Erfolg kein Geld und ohne Geld kein Alkohol. Er hat nur noch drei Flaschen Bier im Kühlschrank.
Früher waren es mindestens zwei Flaschen Wodka, und jetzt, drei Flaschen Bier, ein halbvergammelter Salatkopf und eine Wollmütze. Rein mathematisch gesehen hatte er früher einfach mehr Erfolg.

Die kühlschrankgekühlte Wollmütze dient der ENTHITZUNG des Kopfes. Er ist ein sehr extremer Typ. Entweder ist sein Kopf  zu leer oder zu heiß.  Für beide Fälle muss also stets Vorsorge getroffen werden. Nur drei Bier war keine Vorsorge mehr, sondern Notstand. Er müsste dringend Abhilfe schaffen. Abhilfe in Form von Worten, also Schreiben, also Alkohol, also erstmal. Und dieses erstmal wäre mit dem Öffnen der Kühlschranktür verbunden. Weil der Kühlschrank aber nicht in seinem Arbeitszimmer, sondern zweckmäßigerweise in der Küche steht, müsste er sich ERSTMAL in Bewegung setzen. Aber dieses in Bewegung setzen würde ein Aufstehen zur Folge haben, also ein sich vom Schreibtisch wegbewegen, WEGGEHENMÜSSEN. Und das würde er aufgrund seiner immer stärker werdenden Kopfleere nicht schaffen. UNTER GAR KEINEN UMSTÄNDEN.

Normalerweise holt er sich ERST Alkohol, und DANN geht er zum Schreibtisch, quasi das “Gesetz der Macht der Gewohnheit“ . Nur heute nicht. Weil er sich im Bad beim Rasieren geschnitten hat, weil er über ein Wort nachgedacht hat, das ihm dann nicht mehr aus dem Kopf ging, und er dann die sowieso schon stumpfe Klinge etwas zu tief ansetzte. Er kann kein Blut sehen, also etwas schon, aber NICHT DIESE MENGE an Blut, ja, fast schon eine Fontäne, etwas geradezu Obszönes. Er griff sich ein Handtuch, irgendeins, und merkte auf einmal diesen Schwindel, alles drehte sich. Er hatte daraufhin nur noch einen Gedanken, sich UNVERZÜGLICH zu setzen. Ja, erstmal setzen, diesen Schwindel, der jetzt  ja zu dieser Kopfleere geführt hat, in den Griff zu  kriegen. Das Bad führt direkt zum Arbeitszimmer, zum Schreibtischstuhl, also nichts lag UNMITTELBAR näher.

Das Wort war inzwischen verschwunden, nicht mehr in seinem Kopf, irgendwo zwischen seinen Beinen gelandet. Und er schaut an sich herunter. Aber das einzige, was er dort findet, ist das Handtuch mit den Blutspuren.
Und er hat trotz dieser Kopfleere nur eines im Sinn: BIER. Kühlschrank und Bier. Sofort und gleich. Und das alles OHNE aufstehen und WEGGEHEN zu müssen. Als erstes wirft er dieses Bluthandtuch zu Boden und während er diese für ihn als Schreibender, untypische Bewegung ausführt, erschließt sich auch schon die Lösung des Problems. Es ist ein Gedankenblitz in seinem ansonsten wort- und alkohollosen Gehirn:
Er würde sich einfach  AUF DEM STUHL mit Hilfe des HANDTUCHS in die Küche bewegen Und schon sieht er eine direkte HANDTUCHSTUHLVERBINDUNGSLINIE vor sich.

Es ist eine kleine artistische Herausforderung, er muss sich und somit den Stuhl leicht kippen, um dann jeweils die einzelnen Stuhlbeine auf das Handtuch platzieren zu können. Glücklicherweise hat er sich in seiner schon im Bad abzeichnenden Kopfleere das größte Handtuch geschnappt. Das nächste ist, sich nun auf diesem Handtuch mit dem Stuhl unter zu Hilfenahme seiner Füße zum Ziel zu schieben. Es sind ungefähr 20 Meter, die er so zurücklegen muss.

Er schafft es tatsächlich, auch die Fußleisten zur Küche sind kein großes Hindernis für ihn, er gleitet und ruckelt praktisch dahin, wie ein melancholischer Eishockeyspieler auf brüchiger, ebener Fläche.

Und endlich.  Das Bier rauscht friesisch herb seine Kehle runter. Becks. Von der Quelle bis zur Mündung. In SEINE MÜNDUNG.  4,9 % vol.. 0.5 l. IM STEHEN, oder Halbstehen, am Kühlschrank abstützend,  weil er geschwächt ist von dieser ganzen Sache, diesem Herumgerutscheundgeschiebe auf dem Parkett.  Aber er fühlt sich augenblicklich besser.
Das Bier ist praktisch mit einem Zug ausgetrunken und sein Kopfgefühl, sein  Gedankenfluss wieder einigermaßen hergestellt.  Nur seine Stirn fühlt sich nun plötzlich heiß an, und er ahnt schon, dass er die kühlschrankgekühlte Wollmütze brauchen würde. Was eigentlich besorgniserregend ist, weil sein Körper nicht so schnell zwei unterschiedliche BEDÜRFNISSE haben konnte, zum einen Alkoholdurst und fast gleichzeitig die Enthitzung seines Kopfes. Es wäre praktisch das erste Mal. Aber wenn es so sein sollte, bei der Gelegenheit könnte er ja gleich das nächste Bier herausholen, nicht dass er es nötig hätte, aber es ist ja quasi ein- und derselbe Handgriff.

Er öffnet den Kühlschrank, nimmt sich das Bier und die 3 oder 4 Grad kühle weiß karierte Mütze. Alles ist heute so anstrengend, denkt  er, macht erst das Becks auf, trinkt, und zieht sich die Mütze an. Bier trinken und GLEICHZEITIG die Wollmütze, denkt er, ist tatsächlich gewöhnungsbedürftig, während ihm plötzlich, wie mit einem Schlag wieder das Wort einfällt, das er unter dem Rasiermesser verloren hatte. HOCHWERTIG, ja genau, das war das Wort. Ein Textbaustein nur, aber dieses eine Wort würde ihm heute ermöglichen, weiterzuschreiben. HOCHWERTIG also. Im selben Moment, unbedacht und unvermittelt, in seinem Fall aber durchaus berechtigt,lässt er sich wieder auf den Stuhl fallen.

Der Stuhl ist innerhalb von Sekunden nur noch ein Dreifuß, das linke vordere Stuhlbein, sowie auch er, in einer glitschigen
Alkoholpfütze, um ihn herum grüne Bierglassplitter, die Wollmütze verrutscht und das Wort, das ihm das Leben zumindest für heute gerettet hätte, ist WEG, VERGRIFFEN UND AUSRADIERT.

Wie soll er weiterschreiben, denkt er und starrt, kopfleerer als je zuvor, auf den Inhalt des weit geöffneten Kühlschranks, also auf den halbvergammelten Salatkopf und die nun UNWIDERRUFLICH letzte Flasche Becks.

(Was ich gehört habe ? Bob Dylan … Mr. Tambourine Man