Alice fliegt heute nach Schottland, Edinburgh. Kommt erst Sonntag Nachmittag wieder. Sie wird dort ihren Freund, P., treffen. Auch ein paar Bekannte von P., bei denen sie dann bleiben können. Deshalb werde ich wieder in der ehemaligen, gemeinsamen Wohnung übernachten. Wegen unserer Kinder. Schon jetzt habe ich ein komisches Gefühl in der Magengegend. Als wäre ich dort ein ungebetener Gast, ein Einbrecher. Ok., es sind auch meine Kinder, aber nicht mehr meine Wohnung. Nur noch Erinnerungen. Aber wäre es woanders besser ? An einem anderen, neutraleren Ort ? Es ist nicht nur die Erinnerungen. Wenn ich meinen Kindern ins Gesicht schaue, erkenne ich darin jedes Mal Alice. In jeder Geste, jedem Lächeln. Alice und mich. Unsere Liebe lebt in unseren Kindern weiter.
FLAME war bisher die einzige Frau, die es schaffte, dieses imaginäre Bild der Selbsttäuschung ins Wanken zu bringen. Mit ihr konnte ich wieder freier atmen. Flame …erloschene Flamme…
Gestern Abend saß ich mit Alice auf dem Balkon. Wir unterhielten uns. Naja, sie sprach und ich hörte im Grunde genommen zu. Irgendwann ging es um Liebe. Und um uns. Warum sie mich nicht mehr lieben könne. Dass sie den Schlüssel zu mir verloren hätte. Und dass sie trotzdem wolle, dass es auch mir gut ginge. Zum Schluss las sie mir ein paar ihrer Gedichte vor. Seit einigen Monaten schreibt sie, wenn sie besonders deprimiert oder glücklich ist, ihre Empfindungen in Form kleiner poetischer Gedanken nieder. In einem schwarzen Moleskine. Annähernd erotische Texte. Worte, die mir fremd sind, weil ich ein Fremder geworden bin. Ich sitze nur im Zuschauerraum, irgendwo in der letzten Reihe, und sehe mir diese bizarre Aufführung an. Es hätte mein Stück sein können, das sie da jetzt spielen. Deshalb spende ich nur müden, zurückhaltenden Applaus.
Ein Wort, das Alice erfunden hatte, das am Anfang eines ihrer Gedichte auftaucht, und das sie immer wieder fasziniert wiederholte: Meerespappelrauschen …
Ja, eine sehr sinnliche Umschreibung, aber mich ließ es irgendwo doch kalt.
Wir tranken Wein, und redeten und redeten. Sie war der Ansicht, dass ich ihr nur zuhören würde, selbst wenig zum Gespräch beitragen. Dabei bin ich jemand, der die Gedanken und Ideen Anderer erst immer noch einmal reflektieren muss, um sie wirklich zu verstehen. Und auch wenn ich selbst rede, suche ich immer nach der bestmöglichen Formulierung, gerate dadurch ins Stocken und meine Worte verzweigen sich …
Schließlich erzählte Alice mir von einem Orgasmus, den sie in einer Disco bekommen hätte, mit einem wildfremden Mann. Er hätte sie, während sie mit ihm tanzte, mit seinen Blicken ausgezogen, und ohne sie dabei auch nur einmal zu berühren, zum Höhepunkt gebracht. Ich will solche Geschichten nicht hören, und auch nicht die Lust in ihren Augen sehen, wenn sie sich an dieses Ereignis erinnert.
Sie sagte auf einmal, dass sie sich Monogamie zur Zeit nicht vorstellen könne. Sie mag die Idee, mehrere Männer lieben zu können. Ich sagte ihr, dass ich unter Liebe etwas ganz anderes verstehe, eine Exklusivität …eine Verbindung bei der es nur zwei Personen geben kann … aber Alice verstand mich nicht, vertrat weiter ihren Standpunkt …. dass man mehrere Männer gleichzeitig lieben könne … zumindest wäre es für sie denkbar …
Erst jetzt merke ich, wie weit sich Alice wirklich von mir entfernt hat …
Was ich gehört habe ? Jill Scott “Hate on me”
